Die Tränen der Berge

- Leseprobe -

Prolog

In alten Dörfern, wo die Hügel rund und satt im Abendlicht liegen und das Holz atmet, erzählen die Mauern Geschichten. Manche gehören dem Wind, manche den Menschen.
Dieses Märchen stammt aus einem solchen Ort, den es noch immer gibt, wenngleich es in einer anderen Zeit spielt. Damals war das Handwerk noch Magie und die Fäden, die die Menschen spannten, ob aus natürlichen Fasern oder unsichtbar, vermochten das Schicksal eines ganzen Dorfes zu tragen.

„Die Tränen der Berge“ ist mehr als eine Geschichte über zwei junge Menschen und ihr Handwerk. Es ist ein Lied über  Erinnerung, über Freude, die man pflegen muss wie Glut, und über die Kraft, die entsteht, wenn man sich erinnert, was einen verbindet.

In jener Zeit, als die staubigen Straßen von Scheidegg das Klappern von Pferdehufen kannten und die Wagen der Bauern unter dem Gewicht schwerer, rhythmisch schwankender Holzräder stöhnten, lag das kleine Dorf in einer Hochebene aus sanften Hügeln, nicht weit von der österreichischen Grenze. Die Wiesen leuchteten in sattem Grün, auf dem die Sonne glitzerte, und das Muhen der Kühe mischte sich friedlich mit dem fernen Klingen von Schmiedehämmern und Vogelgesang. Ein Bächlein, so klar, dass man jeden Kiesel darin zählen konnte, zog sich wie ein funkelndes Band durch den Ort – es kam von weit oben, aus den Quellen der Berge im sommerlichen Mittagslicht, wie Abertausende tanzender Sterne.

Versteckt in einer kleinen Gasse, hinter einer alten, holzgeschnitzten Tür, lag eine Handweberei. Wer sie betrat, trat ein in eine Welt, die nicht nur vom Duft, sondern von Andacht erfüllt war. Der goldige Geruch von geöltem Eichenholz mischte sich mit trockenen Kräutern und der warmen Erde der Wolle. Durch das hohe Sprossenfenster fiel das Licht in schrägen Bahnen auf die Luft, darin schwebten winzige Staubkörnchen – tanzende Feen, die in der Stille wirbelten. Körbe und Regale bogen sich unter der farbenfrohen Vielfalt an Garnen.

Mitten in diesem Reich aus Faden und Licht thronte der Webstuhl wie ein ruhender Wächter. Aus dunklem Holz gezimmert und von den Jahren zahlloser Handgriffe glänzend, hielt er seine Kettfäden fein und ordentlich gespannt. In dieser Weberei entstanden nicht bloß Stoffe, sondern Geschichten, die sich in jeden Faden einschmiegten: von Wärme, von Schönheit und den leisen Erinnerungen an ein Leben im Einklang mit der Natur.

Barbara, die neunzehnjährige Tochter der Weberfamilie Berger, und ihre fünf jüngeren Geschwister halfen fleißig mit auf dem elterlichen Hof. Doch jede freie Minute verbrachte sie am Webstuhl. Mit wendigen Fingern erschuf sie die schönsten Leinenstoffe, die später zu prächtigen Trachten verarbeitet wurden. Ihr Gesicht umrahmte helles, weiches Haar, und in ihren Augen flimmerte ein selten klares Leuchten, das von Güte und kindlicher Neugier gleichermaßen kündete. Sie war fleißig, geschickt, klug, und ihr großes Herz schenkte allen Freude.

Doch in jüngster Zeit lag ein Schatten auf ihrem frohen Wesen. Ihre Gedanken verloren sich in dunklen Gefilden, während ihre Hände die Fäden führten: Das Dorf hatte sein unbeschwertes Herz eingebüßt. Traditionen verblassten und die Abende am Herdfeuer wurden stumm. In den Gesichtern der Dorfältesten regte sich kaum noch ein Lächeln, kein Reim fand mehr den Weg über ihre Lippen und auch die Märchen schwiegen. Krankheit und bittere Armut legten sich wie ein grauer Schleier über die Dächer. Fortan regierten nur noch Schweiß und Plackerei, um das nackte Überleben zu sichern.

Manchmal stockte Barbaras Webarbeit, und sie richtete ihren Blick hinaus auf die weiten Wiesen. Tief in ihrer Brust spürte sie ein Ziehen: Es fehlte etwas, das sie einst gekannt hatte. Und in jenen Augenblicken kam stets sein Bild vor ihr: Toni Steiner, der Sohn des Schindelmachers.

Sie waren gemeinsam aufgewachsen, hatten in den Sommern barfuß im Bach gespielt, und im Winter Schneehöhlen gebaut. Doch das geschah vor langer Zeit. Seit fünf Jahren war Toni fort, in München, in der Handwerkerschule. Man erzählte sich, der junge Mann habe sich als Student des Holzes und der alten Handwerkskünste hervorgetan und er führe sein Werkzeug so geschickt, dass es wie von Geisterhand geführt stets den richtigen Schnitt fand.

Eines spätherbstlichen Tages, während das milde Licht über den Hügeln lag, kehrte Toni heim. Die Luft war kühl und roch nach feuchter Erde und frischem Holz. Schlaff hingen die letzten Blätter an den Bäumen, und auf den Dächern von Scheidegg wallte Rauch in weichen Schwaden empor.

„Toni! Toni Steiner, bist du’s wirklich?“, rief ihm die Bäckersfrau zu, und winkte aufgeregt, als sie in ihrer Ladentür stand.

„Jawohl, Frau Brunner, ich bin’s“, lachte Toni und tippte lächelnd an seinen Hut.

Er trabte mit seinem Pferd an der Kirche vorbei, das Hufklopfen klang wie eine Erinnerung an vertraute Tage. Wie er an der alten Schlosserei vorbeikam, blieb er kurz stehen. Der Schall des Hammers, das helle Singen des Eisens – es war alles wie früher und doch nicht gleich. Wie eine Melodie, die man kennt, aber längst anders spielt.

Vor dem Elternhaus, der Schindelwerkstatt, roch er frisches Lärchen- und Fichtenholz, feuchte Walderde, das würzige Harz, das golden an den Schnitten glänzte. Der bekannte Geruch von Arbeit und Heimkehr.

In der Werkstatt stand sein Vater, breit in den Schultern, das Gesicht vom Wetter gegerbt, die Hände hornig, aber sicher. Er arbeitete mit einer Kraft, die präzise war – nicht wild. Jeder Schlag seines Messers ins Holz war bedacht, fast ehrfürchtig.

„Grüß Gott, Vater“, sagte er leise und trat näher.

Der Alte drehte sich um – und sein Gesicht hellte sich auf. „Toni! Bua, du bist’s ja wirklich! Schaug her, du bist groß geworden! Wie war’s in München? Was hast gelernt, hm?“
Seine Stimme schwankte zwischen Stolz und Rührung.

„Viel, Vater. Und doch – ich hab’s vermisst, das Holz von daheim. Es hat einen anderen Klang.“
Der Alte nickte und legte das Messer beiseite. „Komm, geh mer zur Mutter. Die wird narrisch vor Freude, wenn sie dich sieht.“

Und so gingen sie zur gemütlichen Stube hinüber, wo Toni mit einem herzlichen „Gott zum Gruß!“ empfangen wurde. Das Abendbrot duftete nach Suppe und frischem Brot, und während des Essens erzählten alle durcheinander, lachten, erinnerten – und dann verstummten sie. Die Worte der Eltern klangen sorgenvoller, wie er gehofft hatte. Überall sei es schwerer geworden, sagten sie. Die Ernte war mager, die Menschen mutlos.

Toni spürte wieder dieses leise Unbehagen, jenes, das er schon beim Betreten des Dorfes gefühlt hatte. Etwas Unsichtbares hatte sich über den Ort gelegt.

Am nächsten Tag – dicke Wolken zogen auf – machte er sich auf den Weg zu Barbara, die nur vier Häuser weiter wohnte. Er passierte die Schlosserei – das rhythmische Hämmern, das scharfe Klirren des Metalls, das Zischen, wenn glühendes Eisen ins Wasser tauchte –, all das klang ihm wie die Musik seiner Kindheit. Ein Lächeln huschte über seine Lippen, während seine Schritte ihn den Hügel zur Weberei hinauftrugen. Kaum hatte er um die Ecke gebogen, klopfte sein Herz heftig: Da lief Barbara aus dem Haus auf ihn zu.

Einen Augenblick standen sie stumm voreinander, dann schloss sie ihn in die Arme.

„Toni! Du warst so lang fort!“

„Zu lang“, sagte er leise. „Ich hab’ dich vermisst, Barbara.“

„Und ich dich“, flüsterte sie, mit einem Lächeln, das zwischen Freude und Wehmut schwankte.

Da kam aus dem Stall Barbaras Mutter – kräftig, energisch, mit roten Wangen, die vom Arbeiten und von der frischen Luft erzählten. Sie war im Begriff, ein Bündel Heu abzulegen, blieb dann aber abrupt stehen, und starrte nach oben, dorthin, wo die Spitzen der Tannen hinter ihrem Haus im Grau verschwammen.

„Barbara, Toni! Schnell!“, rief sie mit besorgtem Unterton. „Schaut euch das an. Das muss eine gewaltige Suppe sein, die da drüben vom Bodensee heraufzieht. So finster war es um diese Zeit noch nie!“

Toni schaute an den Hauswänden empor. „Vom See? Meinst du ? Der Wind fühlt sich gar nicht nach Nordwest an.“

„Was soll es denn sonst sein?“, entgegnete Frau Berger hastig, während sie sich die Schürze an den Hüften festzog und nebenbei Toni herzlich begrüßte.

 „Kommt, wir schauen vom Häfele aus nach, ob wir das Vieh noch rechtzeitig reinholen müssen. Wenn der Nebel erst das Dorf füllt, sehen wir die Hand vor Augen nicht mehr.“

Sie eilten die hundert Meter den Pfad hinauf. Mit jedem Schritt, den sie höher stiegen, weitete sich der Blick Richtung Kinberg und das weite Rund des Sees. Doch als sie oben am Häfele ankamen, blieben sie wie angewurzelt stehen.

Das Panorama des Bodensees, das dort sonst so friedlich im fernen Dunst lag, war klar und unberührt. Doch unter ihnen, direkt im Herzen von Scheidegg, geschah das Unfassbare: Der Nebel quoll nicht über die Hügelkuppen zum Ort herab. Er drückte – dickflüssig wie siedender Brei – unmittelbar aus den Ritzen zwischen den Häusern und den Senken der Wiesen empor.

„Er kommt nicht vom See …“, flüsterte Frau Berger, und das Kreuzzeichen, das sie schlug, wirkte schwer wie Blei. „Er steigt aus unserem eigenen Boden auf.“

„Der Gram-Nebel.“

…..