Frau mit Hut

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Ein Splien, ein Schutz und eine Liebe zur Geschichte

Dem einen oder anderen ist es auf meinen Fotos vielleicht schon aufgefallen: Ich trage unheimlich gerne Hut. „Ist das ein persönlicher Spleen, oder was steckt dahinter?“, wurde ich schon des Öfteren gefragt.

Früher war der Hut ein Statussymbol – für mich ist er heute zu einem geliebten Markenzeichen für meine musikalischen und fotografischen Projekte geworden. Zum Beispiel als „Pianistin mit Hut“. Doch das war nicht immer so. Tatsächlich gibt es gleich mehrere Gründe, warum diese Kopfbedeckung mein ständiger Begleiter geworden ist.

Vom Schaufenster-Traum zur Kostümschneiderei

Schon als Jugendliche haben mich Hüte in ihren Bann gezogen. Ich weiß noch genau, wie ich damals vor den Hutgeschäften stand und die eleganten Modelle im Schaufenster bewunderte. Ich hätte mir so gerne einen gekauft! Aber mir fehlte schlichtweg der Mut, ihn auch zu tragen. Bei uns im Dorf sah man Jugendliche mit Hut eigentlich nur, wenn sie im Trachtenverein aktiv waren.

Jahrzehnte später flammte diese alte Liebe wieder auf – und zwar durch meinen Beruf. In den Jahren 2012 bis 2015 war ich als selbstständige historische Kostüm- und Trachtenschneiderin tätig. Wenn man sich intensiv mit historischer Mode beschäftigt, merkt man schnell: Ein Gewand bestand damals aus weit mehr als nur Jacke und Hose. Das Entwerfen begann bei der historischen Unterwäsche, ging über das Schnürmieder und die verschiedenen Kleiderschichten bis hin zum Hut, der je nach gesellschaftlichem Stand farblich abgestimmt und reich geschmückt war.

Diese Modegeschichte hat mich damals völlig fasziniert – sie las sich teilweise spannend wie ein Krimi! Zu jedem historischen Kleid, das ich von der Renaissance bis zur Gründerzeit nähte, habe ich auch den passenden Hut komplett selbst gefertigt. Das war oft schmerzhaft für die Finger, aber handwerklich hochinteressant. Eigentlich schade, dass der Hut danach so aus dem Alltag verschwunden ist. Zum Glück ändert sich das gerade wieder!

Wenn der Wind zum Feind wird: Ein Hut auf Rezept

Vor gut zehn Jahren gab es allerdings noch einen ganz anderen, gesundheitlichen Wendepunkt. Im tiefsten Winter war meine linke Gesichtshälfte über zwei Stunden lang eiskalter Zugluft ausgesetzt. Die Quittung am nächsten Morgen war brutal: höllische Gesichts- und Zahnschmerzen und ein völlig verschobenes Gesicht. Die Diagnose: eine Trigeminusneuralgie.

Bei dieser Erkrankung ist der Gesichtsnerv so extrem empfindlich, dass er bei jedem kleinsten Luftzug mit heftigen Schmerzattacken reagiert. In den ersten zwei bis drei Jahren musste ich deshalb selbst im Hochsommer bei jedem lauen Lüftchen eine Kopfbedeckung tragen. Das war der Moment, in dem meine Hut-Sammlung rasant wuchs. Ich kaufte Hüte, häkelte Stirnbänder und strickte warme Kappen.

Glücklicherweise ist die Neuralgie heute nicht mehr so stark ausgeprägt. Doch im Winter komme ich um warme Mützen nicht herum – und im Frühjahr und Herbst, wenn der Westallgäuer Wind noch kalt um die Häuser pfeift, sind meine Hüte mein absoluter Rettungsanker.

Auf Spurensuche in der Hutstadt

Vor einer Woche, am Sonntag, den 10. Mai 2026, war es wieder so weit: In meiner Nachbarschaft Lindenberg drehte sich alles um den Hut! Bereits zum 23. Mal feierte die ganze Stadt ihre jahrhundertealte Tradition und wählte die neue Deutsche Hutkönigin. Es ist jedes Mal ein wunderschönes Fest. Was mich besonders freut: Die Vielfalt der Hüte und die Zahl der Hutträger auf den Straßen nimmt von Jahr zu Jahr zu. Man fällt gar nicht mehr auf – und das gibt mir erst recht den Anreiz, mich stolz mit meinen Hüten zu präsentieren.

Diese Tradition hat tiefe Wurzeln: Die Kunst des Strohflechtens kam im 16. Jahrhundert durch Pferdehändler aus Italien zu uns ins Westallgäu. Was in Dörfern wie bei uns in Scheidegg zunächst als reine Heimarbeit im Winter begann, entwickelte sich um 1755 in Lindenberg zum florierenden industriellen Zentrum. Da die Landwirtschaft in unserer rauen Bergregion oft karg war, besserten sich vor allem die Frauen durch das Nähen von Strohhüten das Familieneinkommen auf. Die alte Fabrik in Lindenberg steht übrigens heute noch und beherbergt das faszinierende Deutsche Hutmuseum.

Am Ende ist es ganz egal, ob der Hut für mich nun Stilmittel, historisches Erbe oder Gesundheitsschutz ist: Ich trage ihn einfach von Herzen gerne. Und diese Leidenschaft geht sogar so weit, dass sie mich zu einem meiner liebsten regionalen Kunstmärchen inspiriert hat: „Der schlaue Strohhut“. Aber das ist eine Geschichte, die ich dir ein anderes Mal erzähle…


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